Dienstag, 25. März 2014

Leidenschaft [short stories #3] und meine Stammzellenspende für die DKMS

Was ist Leidenschaft? Das fragen Bine von was eigenes und Andrea | Jolijou in Ihrer Jahresaktion short stories im Monat März.
Meine Antwort: Wenn ich mit vollem Herzblut dabei bin. Wenn mich eine Sache so interessiert oder begeistert, dass ich dafür alles tue. Wenn ich mir Zeit nehme, obwohl - bei objektiver Betrachtung - gar keine da ist. Dann ist das Leidenschaft pur.

Manchmal entfacht diese Leidenschaft bei mir beim Nähen. Wenn das Leben tobt, ich ins Bett gehöre weil ich die vergangenen Nächte zum Tag gemacht habe (natürlich zum Arbeiten und nicht zum Feiern), und ich trotzdem noch eine Nachtschicht dran hänge, um etwas fertig zu bekommen, weil ich das unbedingt will, dann ist das Leidenschaft.

Ganz viel Leidenschaft entwickele ich auch bei der Urlaubsplanung. Zuerst bei der Hotelsuche und später bei der Planung für das Sightseeing: da bin ich voll in meinem Element und vergesse Zeit und Raum, surfe durch die Weiten des WWWs, wälze Prospekte und lese Reiseführer. Bis zur Abreise steckt dann ganz viel Vorfreude in mir. Reisen - eine Leidenschaft.

Was viele vielleicht nicht nachvollziehen können, bei mir aber tatsächlich so ist: Ich habe auch eine Leidenschaft fürs Putzen. Jedes Jahr im Frühling - wenn die Sonne nach dem Winter wieder so schön scheint und die Temperaturen steigen - überfällt mich ein richtiger Tatendrang, die ganze Wohnung auf Hochglanz zu bringen. Es werden Schränke ausgeräumt, ausgewaschen, der Inhalt entrümpelt und alles wieder geordnet eingeräumt - das sieht schon toll aus, wenn man nur die Schranktür öffnet. Alles in der Wohnung wird abgestaubt: Schränke, Lampen, Bilderrahmen, Türen, ... Kissenbezüge, Sofaüberwürfe und Vorhänge werden gewaschen, die Fenster geputzt und am Ende gesaugt (und zwar inklusive Wänden und Decken - wegen den Spinnenweben) und feucht gewischt. Danach bin ich meistens total platt, weil ich mein Programm in wenigen Tagen (Nächten) durchziehe, aber wenn alles fertig ist kann ich mich an meiner sauberen Wohnung erfreuen. Wenn der Staub des Winters raus ist und es viel saubere Luft zum Atmen gibt, dann war wahre Leidenschaft am Werk.

Leidenschaft kann ich für vieles entwickeln. Für die Jugendarbeit im Verein, die Zusammenstellung eines Geschenkes für einen lieben Menschen, sehr selten fürs Kochen, hoffentlich bald wieder für den Garten, für kreatives und sachliches, manchmal mit Vorahnung, gelegentlich auch ganz plötzlich. Und wenn ich etwas mit viel Leidenschaft tue, dann bin ich mir sicher, dass es richtig ist.

Eigentlich habe ich nun alles geschrieben, was ich zum März-Thema "Leidenschaft" zu schreiben habe. Aber ich finde, eine Lebenserfahrung von mir, bei der ich mit viel  Leidenschaft dabei war, passt hier noch gut her, und diese möchte ich euch unbedingt erzählen:


Meine Stammzellenspende für die DKMS


Ziemlich genau 4 Jahre ist er her. Der Tag, an dem ich auf mein Handy schaute und sah, dass mich eine unbekannte Nummer angerufen hatte. Die Vorwahl war mir völlig unbekannt. Normalerweise interessiert mich das nicht weiter; wer etwas von mir will, wird nochmal anrufen. Aber an diesem Tag wollte ich wissen, wo die Nummer herkommt. Google wusste Bescheid: Es war die Deutsche Knochenmark-Spender-Datei (DKMS). "Warum rufen die mich an?", fragte ich mich. Kurzerhand rief ich zurück - und das war sehr gut so. Die Dame am Telefon erklärte mir, dass ich womöglich als Spenderin in Frage käme und dafür Untersuchungen nötig wären. Und sie fragte mich, ob ich denn bereit wäre, zu helfen. Ohne zu überlegen, sagte ich sofort zu.

Bei der Typisierung zur Aufnahme in die Datei werden nur die wichtigsten Übereinstimmungsmerkmale des Bluts festgestellt. Deshalb war zuerst ein Bluttest beim Hausarzt nötig, um festzustellen, wie viele übereinstimmende Merkmale es zwischen mir und dem Empfänger gab. Meine passten ganz gut, ich war also der genetische Zwilling, der einem an Leukämie erkrankten Menschen das Leben retten könnte. Vorausgesetzt, ich bin gesund - denn auf die Gesundheit des Spenders wird bei der DKMS sehr viel Wert gelegt. Um das herauszufinden, waren umfangreiche Untersuchungen nötig. Da die Zeit drängte und der nächstmögliche freie Termin in einer Praxis in Dresden war, saß ich nur wenige Tage später im Flieger.
Dass ich dafür Urlaub (bzw. eine Freistellung) brauchte? Egal, geht schon.
Dass ich wohl eine Zeltlagervorbesprechung verpassen würde, die ich zu leiten hatte? Egal, geht schon.
Dass ich in aller herrgotts Frühe in Frankfurt am Flughafen sein musste? Egal, geht schon.
Die Leidenschaft war da und so habe ich kurzerhand alles so organisiert, dass es klappte.

Die Untersuchungen habe ich bestanden. Versorgt mit einer ganzen Batterie eines Wachstumsfaktors, den ich mir spritzen musste, damit sich die Stammzellen im Knochenmark vermehren und dann ins Blut übergehen (weil sie im Knochenmark keinen Platz mehr haben), trat ich die Heimreise an. In der folgenden Woche wurde also 2x täglich gespritzt. Von den Nebenwirkungen (Gliederschmerzen) wurde ich glücklicherweise verschont.
Und dann war es soweit. Wieder ging es nach Dresden. Die Stammzellenspende begann. Die Mitarbeiterinnen und die Ärztin der Praxis, in der die Entnahme stattfand, waren alle sehr nett und erklärten alles, sodass ich mich in dem Raum mit den Liegen und Unmengen Geräten (alles 4-fach, denn es spendeten 4 Personen gleichzeitig) sogar ganz wohl fühlte. Nachdem wir alle "verschlaucht" waren, durften wir uns einen Film aussuchen. Außerdem wurden wir die ganze Zeit von den Schwestern "betüdelt". Und so lag ich da einige Stunden, schaute fern (oder aus dem Fenster, denn dort waren gerade die Fensterputzer aktiv) und als die Spende vorbei war, gab es wieder die Rundumversorgung - sowohl medizinisch als auch mit Essen und Trinken. Mir persönlich machte die Stammzellenspende überhaupt nichts aus und so ging es am Nachmittag noch in die Dresdner Innenstadt. Da die entnommenen Zellen nicht ausreichten, spendete ich am Tag darauf noch einmal und dann ging es wieder nach Hause (allerdings mit dem Zug, denn die Aschewolke aus Island war gerade in Deutschland angekommen).

Spritzen des Wachstumsfaktors - meine einzige materielle Erinnerung an die Stammzellenspende


...
Und welche Folgen hatte die Spende nun für mich? Durch die Spende an 2 Tagen hatte ich Zugänge an beiden Handgelenken und in beiden Ellenbeugen, die verbunden waren. Durch meine helle Haut gab das in den Tagen darauf Blutergüsse in allen Farben. Aber: das machte mir alles überhaupt nichts aus, denn das Gefühl, einem Menschen das Leben retten zu können, ist unbeschreiblich. Ich kann es hier auch wirklich nicht näher beschreiben, so etwas muss man erleben. Auch finanziell wird alles durch die DKMS beglichen: Reisetickets, Hotel, Taxi, sogar die Restaurantquittung kann man einriechen. Außerdem gibt es Nachuntersuchungen in regelmäßigen Abständen. Man wird als Stammzellenspender wirklich rundum versorgt und betreut.

Noch kurz zur Funktionsweise der Stammzellenspende - der Vollständigkeit halber: Wie bereits erklärt, werden die Stammzellen im Knochenmark künstlich vermehrt und gehen ins Blut über. Bei der Stammzellenspende wird das Blut wie bei der Blutspende entnommen. In einem Gerät werden die Stammzellen mittels Zentrifugalkräften aus dem Blut herausgeschleudert und gesammelt. Das Blut ohne die Stammzellen wird wieder zurück in den Körper geführt, wie in einem Kreislauf. Entnommen werden nur die künstlich erzeugten Stammzellen. Dem Spender fehlt danach also nichts.

Das war sie, meine Stammzellenspende mit totaler Leidenschaft, die Zeit und Raum vergessen lässt und durch die ich die ganzen medizinisch-technischen Dinge in kürzester Zeit lernten, die eigentlich so gar nicht mein Gebiet sind (und die ich ohne die Leidenschaft nie und nimmer hätte verstehen wollen). Mit Leidenschaft geht eben immer ein bisschen mehr....

Dem Empfänger meiner Stammzellen ging es nach kurzer Zeit besser, jedoch bekam er ein paar Monate später einen Rückfall. Ich wurde gefragt, ob ich Leukozyten (ein Bestandteil des Bluts) spenden würde. Natürlich war ich bereit. Dieses mal ging es nach Frankfurt, ähnliches Prozetere (nur ohne die Spritzen). Leider half auch dies nichts und der Empfänger starb ca. 7 Monate nach der Stammzellenspende.  Ich hatte ihm einmal geschrieben, aber leider nie Antwort bekommen.
Natürlich war ich geknickt, als die Nachricht kam, aber ich habe alles getan, was ich konnte. Und sollte ein weiterer genetischer Zwilling eine Stammzellenspende von mir benötigen, wäre ich sofort wieder dabei. Und zwar mit totaler Leidenschaft.

So, das war nun sehr viel Text. Ich hätte noch sehr viel mehr schreiben können, aber dann hätte den Text wohl niemand gelesen (ich hoffe ja, dass überhaupt jemand bis hierhin kommt). Hoffentlich konntet ihr ein paar Informationen mitnehmen. Wer noch Fragen hat, egal ob zur Typisierung oder zur Spende, darf sich gerne bei mir melden, per Kommentar unter dem Post oder per E-Mail an katha-und-rina(at)gmx(punkt)de

Und nun bin ich gespannt, welches Thema bine und Andrea sich für den April überlegen.

Viele Grüße,
Katharina

1 Kommentar:

  1. Hallo Katharina, danke für den Beitrag, er hat mich sehr berührt.
    In meiner Jugend ist ein guter Freund von mir an Leukämie erkrankt und erhielt auch eine Spende. Er hat es geschafft, ist heute ein gesunder Mann mit eigener Familie.
    Mein Dank und meiner Anerkennung für Menschen wie Dich!

    LG, Annie

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